​Napoleonshöhe, Augusta-Park und Sängerwiese

Eine Zeitreise

 

 

Über 200 Jahre Sängerwiese

Wir haben den Steiger im Winter, Frühling, Sommer und Herbst besucht und dabei immer wieder Neues entdeckt. Doch selbst wenn einem ein Ort vertraut erscheint, gibt es neben der sichtbaren Ebene noch eine zweite: die zeitliche.

Betritt man diese Ebene, verwandeln sich ein paar Quadratmeter Waldlichtung plötzlich in eine Bühne, auf der sich Geschichten abspielen, die man heute kaum erwarten würde. Die Sängerwiese ist so ein Ort. Seit über 200 Jahren erlebt man dort die vier Jahreszeiten – doch wer diese beiden Soldaten vor dem Denkmal sehen wollte, musste zur richtigen Zeit kommen:

Vor dem Denkmal Friedrich Wilhelm 3 im ehemaligen Augustapark im Steiger Erfurt stehen zwei Wachsoldaten.

Das Foto entstand um die vorletzte Jahrhundertwende. Für alle, die diesen Artikel heute bequem im Internet lesen, ein denkbar ungünstiger Zeitpunkt, um sich selbst dort umzuschauen. Also, folgen Sie uns auf unserer Zeitreise durch über 200 Jahre Sängerwiese.

Die Lichtung, die heute als Sängerwiese bekannt ist, wird wohl schon vor 1800 als Aussichtspunkt auf Erfurt genutzt. Die Berichte dazu sind vage, aber die dann folgende Entwicklung legt einen solchen Ort an dieser Stelle nahe: 1806 besiegen Napoleons Armeen bei Jena und Auerstedt die preußischen Truppen. Die napoleonische Zeit hat damit auch in Erfurt begonnen und unsere Lichtung im Steigerwald wird zur Napoleonshöhe. Sichtbares Zeichen: ein Rundtempel mit der Büste des neuen Herrschers.

Das ehemalige Napoleon Denkmal stand oberhalb der heutigen Sängerwiese im Steiger Erfurt.

Dieser wird 1811 eingeweiht und steht auf der Liste der kurzlebigsten Denkmäler weit oben: Der Rundtempel samt Büste wird 1813 bei der Belagerung Erfurts, die das Ende der napoleonischen Herrschaft über die Stadt einläutet, zerstört. Auch der Ortsname „Napoleonshöhe“ hat sich damit erledigt. Aber die Wiese im Steiger ist jetzt ein Ort, an dem Herrschenden gehuldigt wird. Nicht weit von Napoleons ehemaligem Tempel entsteht ein Denkmal zu Ehren des Preußenkönigs Friedrich Wilhelm des Dritten, in dessen Machtbereich Erfurt nun liegt.

Der Park bleibt

Auch sonst wird das Areal über den Status einer Wiese hinaus ausgebaut. Im Jahr 1876 findet auf dem Gelände die allgemeine deutsche Gartenbauausstellung statt. Dabei entstehen Pavillons, Wege und Beete. Als Königin Augusta im Herbst desselben Jahres die Ausstellung besucht, bekommt das Gelände den Namen Augusta-Park. Danach verschwinden Bauten und Beete der Gartenbauausstellung wieder, ganz so wie man es von modernen Gartenschauen kennt. Doch der Park bleibt – und mit ihm die Aussicht auf eine Stadt, die dem Augustapark immer näherkommt.

Blick vom Augustapark auf Erfurt um 1900 mit der Stürkevilla und dem Dom

Auf dieser Aufnahme sehen wir vorne die 1882 fertiggestellte Stürckevilla in der Straße „Am Augustapark“ noch einsam am Rand des Steigers. Im Laufe der Zeit wächst die Löbervorstadt bis zu ihrer heutigen Ausdehnung an die heutige Sängerwiese heran.

Zeitreise in die Zukunft?

Der Blick zur Stadt hat sich seitdem weniger verändert als der Park dahinter. Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der daraus folgenden Gründung der DDR als Gegenentwurf zum preußisch geprägten Deutschland verschwinden Erinnerungsorte und Namen mit Bezug zu dieser Epoche. Das Denkmal für Friedrich Wilhelm dem Dritten von Preußen, der Name Augustapark und auch der Straßenname „Am Augustapark“ sind in kurzer Zeit Geschichte.

In den 1950er Jahren beginnt der Erfurter Männerchor 1890 e.V. auf dieser Lichtung im Steiger sein jährliches Pfingstsingen, das zur Tradition wird. In dieser Zeit etabliert sich der Name Sängerwiese. Und so heißt sie noch heute.

Die Sängerwiese in der Landeshauptstadt Erfurt im sommerlichen Steiger mit Dom und Pergola.

Napoleonshöhe, Augusta‑Park, Sängerwiese – drei Namen, ein Ort. Jeder steht für eine eigene Epoche, für eine Rolle, die diese Lichtung im Steiger einmal gespielt hat. Und wer heute dort steht, kann sich auch vorstellen, dass bei einer Zeitreise in die Zukunft wieder viele Veränderungen sichtbar würden.

Bildnachweis: Denkmal Friedrich Wilhelm 3, Napoleon Denkmal, Blick auf Erfurt, Stadtarchiv Erfurt

 

 

9b5bb7e3603949ac8c54dbd5a1b5a37f_erfurt