Erfurt als Wanderkulisse
Stadtwanderung02
Ein fast ländliches Gesicht
Schon bei unserer ersten Stadtwanderung wurde deutlich: Erfurt lässt sich bei einer Wanderung auf eine ganz eigene Art entdecken – Schritt für Schritt verändert sich dabei die Perspektive. Dinge, die im Alltag kaum auffallen, rücken plötzlich in den Blick. Wege, die wir sonst nur im Vorbeigehen oder Vorbeifahren wahrnehmen, werden zu verbindenden Elementen zwischen ganz unterschiedlichen Räumen.
Unsere zweite Tour führt uns diesmal in den Osten Erfurts. Ausgangspunkt ist Ilversgehofen. Der Beginn wirkt zunächst unspektakulär, geprägt von dem, was wir aus dem Alltag kennen. Doch genau darin liegt der Reiz dieser Wanderungen: Wir starten mitten im Vertrauten – und verlassen es, ohne es zu merken. Schon nach kurzer Zeit ändert sich das Bild. Mit jedem Schritt nehmen die Eindrücke an Tiefe zu, die Umgebung öffnet sich langsam.
Nach dem Anstieg zum Galgenberg liegt fast ganz Erfurt vor uns. Innenstadtring und Dom sind gut zu erkennen, vertraute Orientierungspunkte, die wir aus der Nähe kennen. Von hier oben wirken sie plötzlich anders, eingebettet in eine Landschaft, die mit der Stadt so nicht unmittelbar verbunden ist.
Zwischen uns und der Innenstadt liegt eine landwirtschaftlich geprägte Flur. Ein ruhiger Übergangsraum, der die urbane Struktur auf Distanz hält und gleichzeitig ihre Nähe spürbar macht. Dass Erfurt an seinen Rändern bisweilen ein fast ländliches Gesicht zeigt, wird hier besonders deutlich. Dieser Eindruck setzt sich am Ringelberg fort.
Räume die sich ständig wandeln
Die Wiese mit den gepressten Heuballen reicht weit in die Stadt hinein und lässt uns für einen Moment vergessen, wo wir uns eigentlich befinden. Es sind genau diese Augenblicke, in denen Stadt und Land ineinander übergehen und wir uns als Wandernde fragen, ob die klare Trennung, die wir im Kopf haben, überhaupt existiert.
Wir queren das Wohngebiet Ringelberg, einen vergleichsweise jungen Stadtteil. Hier haben sich in den Jahren nach der Wende viele Erfurter den Traum vom Eigenheim erfüllt. Nachdem wir die gepflegten Straßen hinter uns gelassen haben, weitet sich der Blick erneut. Über freies Feld führt unser Weg weiter und mit ihm öffnet sich eine Aussicht, die bei klarer Sicht bis zum Inselsberg im Thüringer Wald reicht. Es ist einer dieser unerwarteten Momente, für die wir sonst meist weite Wege auf uns nehmen – hier liegt er einfach am Wegesrand.
Unser nächstes Ziel ist der Wasserturm, der mit seiner blauen Kuppel schon aus der Ferne ins Auge fällt. Er dient als markanter Orientierungspunkt und begleitet uns hinüber zur Weimarischen Straße. Hier verändert sich die Atmosphäre schlagartig. Der Übergang von ruhigen Wegen zu einer stark befahrenen Verkehrsachse gehört zum Stadtwandern dazu. Gerade in diesen Brüchen entfaltet sich ein großer Teil seines Reizes. Die Stadt zeigt sich nicht als gleichmäßige Fläche, sondern als Abfolge von Räumen, die sich ständig wandeln.
Wanderweg im Wohngebiet
Hinter der Straße kehrt bei Dittelstedt schnell wieder Ruhe ein. Die Geräusche der Stadt treten in den Hintergrund und für einen Moment entsteht der Eindruck, wir hätten Erfurt hinter uns gelassen. Doch dieser Eindruck hält nicht lange an. An der Straße Am Herrenberg weicht das ländliche Flair allmählich einem städtischen Ambiente. Hier empfängt uns die Gustav‑Adolf‑Kirche.
Sie entstand Anfang des 20. Jahrhunderts auf damals noch freiem Feld und wirkt heute wie ein stiller Zeuge der Entwicklung, die dieser Bereich der Stadt durchlaufen hat. Von hier aus führt der Weg gedanklich in die 1970er Jahre. In dieser Zeit entwickelte sich auf dem Höhenzug vor Erfurt der heutige Stadtteil Herrenberg. Diesen durchqueren wir vollständig auf Fußwegen, fernab vom Verkehr. Das Konzept überrascht. Was auf den ersten Blick wie eine typische Großwohnsiedlung wirkt, entfaltet zu Fuß eine ganz eigene Qualität. Zwischen den Häusern ergeben sich immer wieder freie Räume, Blickachsen und grüne Verbindungen. Ohne Störungen durch Autos entsteht hier ein Abschnitt, der sich fast wie ein klassischer Wanderweg anfühlt – und damit einer der angenehmsten Teile der Tour ist.
Der Weg sucht noch einmal den Bruch
Hinter den beiden markanten Punkthochhäusern in der Körnerstraße erreichen wir Daberstedt. Mit einem Mal sind sie wieder da: Autos, Ampeln, schmale Gehwege an den Straßen. Der Rhythmus der Bewegung verändert sich. Wir passen uns dem Tempo der Stadt an und werden uns zugleich bewusst, wie anders sich die vorherigen Abschnitte angefühlt haben.
Am Schmidtstedter Knoten zeigt sich einmal mehr, was diese Art der Fortbewegung ausmacht. Details treten hervor, die sonst im Strom des Verkehrs untergehen. Ein unscheinbarer Holzpilz am Bahndamm fällt plötzlich ins Auge – ein kleines Objekt, das vermutlich viele schon passiert haben, ohne es wahrzunehmen.
Auch die Inschrift an der Unterführung, die auf den Bau der Verkehrsanlage in den Jahren 1971 bis 1976 verweist, erschließt sich erst demjenigen, der langsam unterwegs ist. Es sind diese Spuren vergangener Zeit, die im Vorüberfahren unsichtbar bleiben und sich erst demjenigen zeigen, der innehält.
Kurz darauf wechselt die Szenerie erneut. Auf dem Gelände des ehemaligen Güterbahnhofs öffnet sich ein völlig anderer Stadtraum.
Die Fläche wirkt roh, unvollendet, wie eine Bühne, auf der sich zukünftige Entwicklungen bereits andeuten. Unter dem Arbeitstitel „Äußere Oststadt“ soll hier ein neues Stadtviertel entstehen. Noch ist davon wenig zu sehen, aber gerade dieses Dazwischen – der Zustand zwischen Vergangenheit und Zukunft – verleiht dem Ort eine besondere Atmosphäre.
An der Geschwister Scholl‑Straße kehren wir wieder in bewohntes Gebiet zurück. Die Krämpfervorstadt empfängt uns mit Häusern aus der Gründerzeit, dichter Bebauung und der Leipziger Straße als wichtiger Verkehrsachse. Sie führt Richtung Innenstadt, doch dort zieht es uns nicht hin.
Der Weg sucht noch einmal den Bruch, das Unerwartete – und findet es am Flutgraben.
Belohnt mit Eindrücken
Hier verändert sich die Wahrnehmung ein weiteres Mal grundlegend. Es ist, als bewegten wir uns plötzlich eine Ebene unterhalb der Stadt. Während oben auf der Stauffenbergallee der Verkehr rauscht, breitet sich unten eine überraschende Ruhe aus. Wasser, schmale Pfade, abgeschirmte Bereiche – ein Rückzugsraum mitten in der urbanen Struktur.
Am Johannesufer tauchen wir wieder in die Stadt auf. Der dichte Verkehr, die vielen Menschen und die geschäftige Atmosphäre wirken nach den letzten ruhigen Abschnitten fast ungewohnt. Und genau darin liegt vielleicht die eigentliche Erkenntnis dieser Tour: Erfurt zeigt sich nicht auf einen Blick. Die Stadt erschließt sich erst, wenn wir uns Zeit nehmen, ihre Übergänge zu erleben – zwischen laut und leise, eng und weit, Stadt und Landschaft.
Wenn wir bereit sind, uns darauf einzulassen, werden wir belohnt mit Eindrücken, die weit über das hinausgehen, was die Stadt sonst zu bieten hat.