​Neuer Jüdischer Friedhof Erfurt

Ein Ort, der im Gedächtnis bleibt

 

Vorbehalte gegen die Anlage

Der Neue Jüdische Friedhof liegt unscheinbar an der Werner‑Seelenbinder‑Straße. Wer hier vorbeifährt, sieht vielleicht den Zaun, eventuell die alten Bäume – aber kaum den Ort selbst. Erst wenn man durch das Tor tritt und den Weg zur Trauerhalle hinaufgeht, öffnet sich eine eigene, stille Welt. Bei unserem Besuch regnet es leicht, wahrscheinlich sind deswegen keine weiteren Besucher auf dem Gelände. Was auffällt: Die Lebensdaten auf den kunstvoll gestalteten Grabmalen reichen bis ins 19. Jahrhundert zurück. Man sieht, wie wichtig es den Hinterbliebenen war, den Verstorbenen einen würdigen Platz für die Ewigkeit zu geben.

Grabmale die zum Teil aus dem 19. Jahrhundert stammen auf dem Neuen Jüdischen Friedhof in Erfurt.

Der Friedhof wurde 1878 eröffnet – zu einer Zeit, in der die jüdische Gemeinde in Erfurt wuchs und der alte Friedhof in der Cyriakstraße nicht mehr ausreichte. Der neue Ort entstand damals in unmittelbarer Nähe zum Süd-Friedhof, der erst wenige Jahre zuvor 1871, eingerichtet worden war. Ganz reibungslos war diese Standortwahl nicht: Es gab Vorbehalte gegen die Anlage eines jüdischen Friedhofs an dieser Stelle. Trotzdem wurde er hier gebaut – und prägt seitdem diesen Teil der Stadt.

Lebendige jüdische Gemeinde

Zwischen den Grabsteinen finden sich Namen, die Erfurt mitgeprägt haben. Einer davon ist Alfred Hess. Als Inhaber der bekannten Schuhfabrik machte er Erfurt weit über die Stadtgrenze hinaus bekannt. Heute erinnert die Alfred‑Hess‑Straße an den erfolgreichen Unternehmer und Kunstsammler.

Das Gemeinschftsgrab von Alfred Amalie und Maier Hess auf dem Neuen Jüdischen Friedhof in der Thüringer Landeshauptstadt Erfurt.

Wer weiter geht, entdeckt nicht nur unterschiedliche Grabarchitekturen, sondern auch die Brüche der deutschen Geschichte. Manche Steine erzählen von Familien, die über Generationen in Erfurt lebten und leben. Andere erinnern daran, wie abrupt und gewaltsam jüdisches Leben im 20. Jahrhundert durch den Holocaust unterbrochen wurde.

Grabinschrift mit Bezug zum Holocaust auf dem Neuen Jüdischen Friedhof in Erfurt.

Der Friedhof ist kein Museum – er wird bis heute genutzt. Die frischen Gräber im östlichen Teil zeigen, dass die jüdische Gemeinde in Erfurt lebendig ist und dieser Ort weiterhin Bedeutung hat.

Am Ende unseres Besuchs verstärkt sich der Regen. Der Friedhof wirkt dabei ruhig, gesammelt, nach innen gekehrt. Wir verlassen ihn mit dem Gefühl, einen Ort entdeckt zu haben, der nicht laut ist, nicht spektakulär – aber einer, der die Geschichte und Gegenwart Erfurts auf besondere Weise spiegelt: Mit persönlichen Schicksalen, Verlust und Neubeginn. Ein Ort, der im Gedächtnis bleibt.

Gedenktafel an der Totenhalle des Neuen Jüdischen Friedhofs für die Gefallenen Erfurter des Ersten Weltkriegs jüdischen Glaubens.

 

 

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