Thomas Marx aus Erfurt

Gemeinsam gegen die Einsamkeit

 

Aus praktischen Gründen nach Erfurt

Wenn Thomas Marx über Einsamkeit spricht, dann geschieht das in einer Mischung aus persönlicher Betroffenheit und analytischem Blick. Er hat diese erkannt, lange bevor er wusste, wie man sie nennt: Menschen, die sich zurückzogen, weniger sprachen, weniger aßen. „Ich habe gesehen, dass die Leute seltener wurden“, sagt er. „Die Worte ließen nach, die Sprache ließ nach.“ Erst als er seine Beobachtungen bei Google eingab, stieß er auf den Begriff, der all das bündelte: Einsamkeit.

Dass er das so klar wahrnahm, hat auch mit seinem beruflichen Hintergrund zu tun. Geboren 1961 in Leipzig, lernte er zunächst Krankenpfleger in Dresden, studierte später Medizin in Greifswald und arbeitete danach an der Kreispoliklinik in Sömmerda. Dort begann er die Facharztausbildung für Allgemeinmedizin. Doch nach der Wende veränderte sich der Beruf grundlegend. „Auf einmal war Medizin ein Geschäft“, sagt er. „So wollte ich nicht arbeiten.“ Stattdessen wechselte er in den pharmazeutischen Außendienst, wo er drei Jahrzehnte lang tätig war. „Ich habe das mit richtig viel Herzblut gemacht“, sagt er. „Und der Blick auf Menschen, auf Probleme, der schult sich da weiter.“

Thomas Marx von der Initiative Gemeinsam Erfurt im Südpark.

Nach Erfurt kam er aus praktischen Gründen. Sein Arbeitsgebiet war ganz Thüringen, und bevor es die A71 gab, war Erfurt der ideale Ausgangspunkt. Seine erste Wohnung lag in der Maximilian‑Kolbe‑Straße, später zog er in das sogenannte „sprechende Haus“ am Leipziger Platz. „Wenn man vorbeiging, sprachen Lautsprecher zu einem und luden einen ein, hereinzukommen“, erinnert er sich. „Das fand ich großartig.“ Von dort ging es weiter nach Schaderode, wo seine Frau lebte und schließlich an den Wiesenhügel. „Der Stadtteil ist dem Wald am nächsten“, sagt er. „Man ist sofort in der Natur.“

Projekt ist Herzensangelegenheit

Seine erste Erinnerung an Erfurt reicht zurück in die Kindheit, als er mit seinen Eltern aus Leipzig zu Besuch kam. Der Anger, die Bahnhofstraße, die Straßenbahn, die fast zum Greifen nah vorbeifuhr. „Mich haben die vielen Leute beeindruckt“, sagt er. „In der mittelalterlichen Stadt war alles enger, dichter und erschien damit lebendiger als in Leipzig.“

Der Anger in Erfurt im Juni mit Menschen.

Die Initiative „Gemeinsam Erfurt“ entstand 2024 aus der Idee, das Thema Einsamkeit in der Stadt sichtbar zu machen. „Ich habe Erfurt im Kompetenznetz Einsamkeit eingegeben – und es gab nichts“, sagt er. „Da habe ich gedacht: Dann musst du halt was tun.“ Zwei Jahre arbeitete er im Hintergrund, lernte, baute Strukturen, sprach mit Partnern, entwickelte Formate. 2026 ging er mit der Website und dem Projekt an die Öffentlichkeit.

Nach unserem Interview im Café Lobenstein zeigt sich, wie selbstverständlich er das lebt, worüber er spricht. Kaum ist das Aufnahmegerät ausgeschaltet, wendet sich ein älterer Herr vom Nebentisch an ihn, da „er mitbekomme habe, dass er aus Leipzig stamme, so wie er auch“. Marx lächelt, dreht sich zu ihm, und innerhalb weniger Sekunden sind die beiden in ein warmes, offenes Gespräch vertieft.

Thomas Marx von der Initiative Gemeinsam Erfurt im Gespräch mit einem Senior.

Es wirkt, als würde er einfach dort weitermachen, wo seine Initiative beginnt: Beim Zuhören. Ein kurzer Austausch, ein paar Fragen, ein ehrliches Interesse. Eine Szene, die zeigt, dass Gemeinsam Erfurt nicht nur ein Projekt ist, sondern eine Herzensangelegenheit.

Ort an dem er etwas verändern will

Dabei ist der Ansatz zweigleisig: Sichtbarkeit schaffen und Vernetzung ermöglichen. Thomas Marx weiß, dass es in Erfurt Angebote gibt – aber sie sind verstreut, schwer zu finden, oft nur für Menschen zugänglich, die bereits aktiv suchen. „Uns fehlt keine Hilfe“, sagt er. „Uns fehlt eine vernetzte Struktur, die sichtbar macht, was es gibt.“ Deshalb spricht er mit Apotheken, Arztpraxen, Physiotherapeuten, Podologen, Quartiersmanagerinnen, dem Seniorenbeirat. Er möchte, dass Angehörige einen Ort finden, an dem sie Lösungen sehen, ohne sich alles mühsam zusammensuchen zu müssen. „Die wirklich Einsamen erreichen wir nicht direkt“, sagt er. „Wir müssen über die Angehörigen gehen.“

Parallel dazu schafft er eigene Angebote: Ein Biografie‑Café, Kennenlernspaziergänge, Informationsnachmittage. Alles niedrigschwellig, alles offen für Menschen, die sich schwertun, in bestehende Gruppen hineinzufinden. „Bei meinen Angeboten kommt keine feste Gruppe zusammen“, sagt er. „Alle sind neu. Das macht es leichter, sich kennenzulernen.“

Für den Rentner Thomas Marx fast ein Vollzeitjob. Zum Ausgleich zieht es ihn zu seinem  Lieblingsort in Erfurt:  Die Hartwig Gauder Schleife im Steiger. „Wenn man viel arbeitet und sich engagiert, braucht man einen Gegenpol“, sagt er. „Da oben bin ich allein. Das ist mein Rückzug.“

Die Hartwig Gauder Schleife im Erfurter Steigerwald im Süden der Landeshauptstadt.

Was Erfurt für ihn bedeutet, fasst er abschließend so zusammen: „Ich vermisse hier nichts.“ Er mag die Freundlichkeit, die Nähe, die Art, wie Menschen miteinander umgehen. Erfurt ist sein Zuhause geworden – und der Ort, an dem er etwas verändern will. Und so knüpft er weiter Kontakte, plant Veranstaltungen und baut Strukturen gegen die Einsamkeit auf.

Thomas Marx beim Interview mit dem Erfurt Portal Ich liebe Erfurt im Cafe Lobenstein.

 

 

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