Benjamin Stuht

Holz als Ausgangspunkt

 

Farbtropfen zerplatzen im Harz

Benjamin Stuht ist geborener Erfurter Jahrgang 1979. Seine Kindheit verbringt er am Roten Berg. Zu DDR‑Zeiten ein begehrtes Viertel, das modernen Wohnraum bietet und gleichzeitig nah an der Natur liegt. Besuche im Zoo, autofreie Innenhöfe zum Spielen, die Gemeinschaft des Viertels: Das sind die prägenden frühen Jahre in Erfurt. Nach der Wende wohnt er mit seiner Familie in Schwansee. Dort verbringt er seine Jugend, doch es zieht ihn wieder in die Stadt zurück. „Ich bin im Herzen immer Erfurter geblieben“, sagt er beim Blick auf die Zeit im ländlichen Thüringen.

Sein Weg zum Holz findet er durch Zufall. Ein älterer Mann namens Ralf, der Holzfiguren schnitzt, zeigt ihm die ersten Handgriffe – ruppig, aber herzlich. „Nee, das mach ich nicht, aber ich zeig dir, wie es geht“, sagt Ralf, als Stuht ihn um eine Figur bittet. Dieser Ton prägt die ersten Begegnungen: Direkt, ungeschönt, aber voller Wärme. Stuht, gelernter Gerüstbauer, der zuvor Motorräder umgebaut und sich im Airbrush ausprobiert hat, ist sofort fasziniert. Aus der ersten Figur wird eine Schale aus der Schale eine zweite und irgendwann schenkt ihm Ralf seine alte Drechselbank. Damit beginnt eine Entwicklung, die weit über das klassische Drechseln hinausgeht.

Gedrechselte Schalen des Holzkünstlers Benjamin Stuht aus Erfurt der Hauptstadt von Thüringen.

Benjamin Stuht produziert nicht einfach Schalen. Seine Arbeit erweitert das Drechseln, indem er Holz mit anderen Materialien kombiniert – Epoxidharz, hochpigmentierte Alkoholfarben, Kupferdraht, Müll, den er auf einem Spaziergang aufgelesen hat. In seinem Projekt für die Ausschreibung des Verbandes der Thüringer Künstler „Turbulenzen“ arbeitet er mit Epoxidharz, das er bewusst über die übliche Schichthöhe hinausgießt. Dadurch beginnt das Harz zu reagieren: Es wird heiß, quillt auf und kocht regelrecht. Stuht setzt hochpigmentierte Farbtropfen in die Masse, die im Harz zerplatzen und kleine Turbulenzen erzeugen. Weil das Material sehr schnell aushärtet, werden diese Bewegungen – das Aufkochen, die Blasen, das Zerplatzen der Farbe – als Momentaufnahme festgehalten.

Nicht um jeden Preis

Solche Arbeiten, sagt er, entstehen aus „Blitzen im Kopf“. Ideen, die auftauchen und sofort einen Weg vorgeben. Er arbeitet konzeptionell, präzise, mit einem Hang zum Perfektionismus – dünner drechseln, sauberer schleifen, die Grenzen des Machbaren ausloten, neue Materialien und Gegenstände integrieren.

Eine gedrechselte Schale des Erfurter Künstlers Benjamin Stuht im Detail.

Trotz des wachsenden Erfolgs, der sich in Ausstellungen und seiner Aufnahme in den Verband der Thüringer Künstler zeigt, bleibt Benjamin Stuht pragmatisch. Nebenbei arbeitet er in einer Hausverwaltung. Das gibt ihm die Freiheit, künstlerisch unabhängig zu bleiben. Auftragsarbeiten nimmt er an, aber nicht um jeden Preis. Wenn eine Idee kitschig wirkt oder nicht zu seiner Ästhetik passt, lehnt er ab. „Ich möchte entscheiden können, was ich mache und was nicht“, sagt er. Diese Freiheit ist ihm wichtiger als der schnelle Verkauf.

Der Thüringer Künstler Benjamin Stuht an der Drechselbank in seiner Werkstatt in Erfurt.

Blick für Material und Form

An Erfurt schätzt er die ruhigen Ecken – den Steiger am Morgen, das Bahngelände am alten Güterbahnhof, Plätze, an denen man allein sein kann und den Kopf frei bekommt. Auf dem Anger sieht man ihn eher selten. Ob er für immer in seiner Geburtsstadt bleibt, lässt er offen: Der Rest der Welt hat auch seine Reize, besonders Großbritannien und Skandinavien haben es ihm angetan. Aber Erfurt ist dann doch der Ort, an dem er arbeitet, lebt und seine Kunst weiterentwickelt: Handwerklich präzise, experimentierfreudig, mit einem klaren Blick für Material und Form. Seine Arbeiten zeigen, wie weit man das Drechseln öffnen kann, wenn Holz nicht die Grenze, sondern der Ausgangspunkt ist.

Benjamin Stuht an seinem Arbeitsplatz in Erfurt.

 

 

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