Foto: Mitglieder der Cyriakgemeinde erhielten die Auszeichnung im Beisein des Erfurter Dezernenten Lars Bredemeier vom Thüringer Minister für Bildung, Wissenschaft und Kultur, Christian Tischner und Michael Kraus von der Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen/Thüringer Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur
Der Thüringer Denkmalschutzpreis 2026 in der Kategorie Gruppenpreis geht an den Cyriakkreis der Evangelischen Predigergemeinde Erfurt für sein langjähriges Engagement für die Cyriakkapelle in Erfurt. Ausgezeichnet werden insbesondere die kontinuierliche bauliche Sicherung, der Erhalt und die Pflege des denkmalgeschützten Bauwerks sowie das vielfältige ehrenamtliche Engagement, durch das die ehemalige Notkirche heute ein lebendiger Ort der Begegnung, Kultur und Erholung ist.
Die städtische Denkmalbehörde hatte den Cyriakkreis für den Thüringer Denkmalschutzpreis vorgeschlagen. Die Jury würdigt damit ein Engagement, das seit Ende der 1980er Jahre von Ehrenamtlichen getragen wird und weit über die reine Erhaltung des Bauwerks hinausgeht.
Die Cyriakkapelle wurde 1950 auf einem Gartengrundstück der Cyriaksiedlung am westlichen Stadtrand von Erfurt errichtet. Sie diente der seelsorgerischen Versorgung der evangelischen Bewohnerinnen und Bewohner, deren Zahl nach 1945 durch die Aufnahme von Kriegsvertriebenen stark angewachsen war. Entstanden ist die Kapelle im Rahmen des sogenannten Notkirchenprogramms. Sie gehört heute zu den wenigen noch erhaltenen Sakralbauten dieses Programms und ist die einzige ausgeführte Kapellenplanung des Architekten Otto Bartning in Thüringen.
Die nahezu vollständig erhaltene bauzeitliche Substanz verleiht der Cyriakkapelle einen besonderen denkmalpflegerischen und kulturgeschichtlichen Wert. Der Architekt Otto Bartning (1883 – 1959) zählt zu den bedeutenden deutschen Kirchenbaumeistern des 20. Jahrhunderts. Die Cyriakkapelle ist ein anschauliches Beispiel für den Kirchenbau der Nachkriegszeit und für die besondere Bedeutung, die kirchliche Räume in einer Zeit großer gesellschaftlicher Veränderungen hatten.
Seit Ende der 1980er Jahre setzt sich der Cyriakkreis für die bauliche Sicherung, den Erhalt und die Pflege der Kapelle und ihres Gartens ein. Der Kreis ist kein Verein und kein eigenständiges Gremium. Er besteht ausschließlich aus ehrenamtlich engagierten Mitgliedern der Predigergemeinde, die sich ohne formalen Vorsitz entsprechend ihren jeweiligen Fähigkeiten, Interessen und Möglichkeiten einbringen.
„Was wird aus einer Notkirche, wenn die Not vorbei ist?“ – Mit dieser Frage beschreibt der Cyriakkreis selbst den Ausgangspunkt seines jahrzehntelangen Engagements. Eine Antwort darauf findet sich auch in einem Gedanken Otto Bartnings: „Form ist nicht ohne Geist, Notkirche nicht ohne Gemeinde.“ Schon früh fanden sich Menschen zusammen, die sich mit unterschiedlichen Fähigkeiten für den Erhalt der Kapelle einsetzten. Ihr Ziel war und ist es, das Bauwerk zu pflegen, seine Bedeutung sichtbar zu machen und ihm eine Zukunft zu geben.
Mit Unterstützung und Beratung der Denkmalbehörden konnten in den vergangenen Jahrzehnten wichtige Maßnahmen zur Erhaltung des Bauwerks umgesetzt werden. Dazu gehören unter anderem die Sanierung des Daches, die Erneuerung des Fußbodens und die Restaurierung der beiden großen Giebelfenster. Auch das Außengelände wurde weiterentwickelt. Neue barrierefreie Wege und ein zweiter Zugang erleichtern den Zugang zur Kapelle und zum Garten.
Das Engagement des Cyriakkreises beschränkt sich jedoch nicht auf die bauliche Denkmalpflege. Durch zahlreiche Veranstaltungen und Angebote ist aus dem ehemaligen Notkirchenbau ein Treffpunkt und Ort des Austauschs für Menschen aus der Umgebung geworden. Die Predigergemeinde nutzt die Kapelle und den Garten unter anderem für Gemeindefeste, Treffen und Veranstaltungen. Auch andere Gemeinden und Gruppen sind regelmäßig zu Gast. Seit 1998 finden außerdem die jährlichen Cyriakfeste statt.
Eine wichtige Rolle spielt auch die Vermittlung der Geschichte der Kapelle selbst und ihres Architekten Otto Bartning. Mitglieder des Cyriakkreises haben sich intensiv mit der Baugeschichte auseinandergesetzt und damit zu einer neuen Wahrnehmung des Gebäudes als bedeutendes Zeugnis der Nachkriegsmoderne beigetragen. Gemeinsam mit der Otto-Bartning-Arbeitsgemeinschaft Kirchenbau, deren Gründungsmitglied der Cyriakkreis ist, entstanden unter anderem Ausstellungen in den Jahren 2009 und 2019. 2012 veröffentlichten Mitglieder des Kreises einen Architekturführer zur Cyriakkapelle. Bei der Bundesgartenschau 2021 war die Kapelle als „Raum der Stille“, „Kapelle im Grünen“ und „Gottes Gartenhaus“ Teil des Programms.
„Der Cyriakkreis zeigt, wie aus ehrenamtlichem Engagement über Jahrzehnte eine lebendige Verbindung von Denkmalpflege, Kulturarbeit und Gemeinschaft entstehen kann“, sagt Prof. Dr. Mark Escherich von der städtischen Denkmalbehörde. „Die Mitglieder erhalten nicht nur ein bedeutendes Bauwerk, sondern machen seine Geschichte und seine besondere Architektur für viele Menschen zugänglich. Die Auszeichnung mit dem Thüringer Denkmalpreis ist deshalb auch eine Würdigung der Kontinuität und Vielfalt dieses Engagements.“ Der Cyriakkreis beschreibt seine Arbeit selbst als Zusammenspiel aus praktischem Einsatz, einladender Kulturarbeit und der Vernetzung mit fachkundigen Partnerinnen und Partnern. Entscheidend sei dabei die Freude an der gemeinsamen Aufgabe.
Mit dem Thüringer Denkmalschutzpreis 2026 wird dieses außergewöhnliche ehrenamtliche Engagement nun als Gruppenpreis gewürdigt. Die Auszeichnung gilt dem Cyriakkreis der Evangelischen Predigergemeinde Erfurt und seinem langjährigen Einsatz für die Cyriakkapelle – ein Bauwerk, das als Notkirche für eine konkrete gesellschaftliche Situation geschaffen wurde und heute als Gotteshaus, Treffpunkt, Austauschplattform und Erholungsort seinen Platz im Leben des Stadtteils hat.
Quelle: Landeshauptstadt Erfurt (Originalmeldung)