Erfurts Stadtschreiberin Lena Schätte gewinnt dreifach beim Ingeborg-Bachmann-Preis 2026
Landeshauptstadt Erfurt gratuliert zur Auszeichnung
Die 32-jährige Schriftstellerin Lena Schätte ist die große Gewinnerin der 50. Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt am Wörthersee. Die 32-jährige Autorin gewann heute gleich drei Auszeichnungen: den Ingeborg-Bachmann-Preis (30.000 Euro), den BKS-Bank-Publikumspreis (7.500 Euro) sowie das Festivalschreiber:in-Stipendium des Carinthischen Sommers (3.000 Euro). Mit ihrem Text „Was wir tragen“ überzeugte sie sowohl die siebenköpfige Jury als auch das Fernsehpublikum, das online über den Publikumspreis abstimmte. „Es ist ein Fiebertraum“, sagte Schätte in ihrer ersten Reaktion auf den Sieg.
Der Text: Ausgrenzung, Körper und eine radikale Freundschaft
In „Was wir tragen“ erzählt Schätte von zwei mehrgewichtigen Freundinnen, die sich als soziale Außenseiterinnen durchs Leben schlagen und gerade deshalb eine intensive, radikale Freundschaft entwickeln. Der Text behandelt Ausgrenzung, Körperlichkeit, familiäre Gewalt und die belastete Beziehung der Ich-Erzählerin zu ihrer Mutter – berührend, aber auch schonungslos, ohne Anklage und ohne Sentimentalität. Schätte freut sich, dass das Thema ihres Textes nun eine breite Öffentlichkeit bekommt.
Jury-Reaktionen: „Große Literatur“ mit „existenzieller Wucht“
Die Jury zeigte sich nahezu einhellig überzeugt. Juror Thomas Strässle sprach in seiner Laudatio von „existenzieller Wucht“ und „großer Literatur“ – Schätte schaffe es, das Thema Ausgrenzung ohne Anklage oder Belehrung zu behandeln. Jurorin Mithu Sanyal lobte die „unglaubliche Erzählökonomie“ und sah im Text die Verbindung von „großer Brutalität und großer Zärtlichkeit“. Laura de Weck war begeistert von der „literarischen Superkraft“ der Autorin. Philipp Tingler bezeichnete den Text als „sehr gut“ und hob die Ambivalenz der Hauptfigur hervor, die mit ihrer Bösartigkeit kein bloßes Opfer sei. Brigitte Schwens-Harrant überzeugte das konsequent durchgehaltene erzählerische „Wir“, das Freundschaft und Ausgrenzungserfahrung zugleich greifbar mache. Schätte erhielt im Punktesystem der Jury 24 von möglichen 30 Punkten – ein klares Votum.
Das Einladungssystem: Warum bereits die Teilnahme eine Auszeichnung ist
Der Ingeborg-Bachmann-Preis gilt als der wichtigste Literaturwettbewerb im deutschsprachigen Raum. Nur 14 Autorinnen und Autoren gelangen jährlich in den Wettbewerb – auf persönliche Einladung eines Jurymitglieds, das maximal zwei Kandidatinnen und Kandidaten benennen darf. Verlage, Literaturhäuser und andere Institutionen können Vorschläge einreichen; aus dieser Vielzahl trifft jedes Jurymitglied eine eigene, unabhängige Entscheidung. Lena Schätte wurde von Juror Thomas Strässle eingeladen, einem der profiliertesten Literaturkenner im deutschsprachigen Raum – Professor an der Universität Zürich, Leiter des Y Instituts an der Hochschule der Künste Bern und Mitherausgeber des Briefwechsels zwischen Ingeborg Bachmann und Max Frisch. Lesungen und Jurydiskussionen werden live auf 3sat übertragen. Die diesjährige 50. Jubiläumsausgabe fiel zudem auf den 100. Geburtstag der Namensgeberin Ingeborg Bachmann (25. Juni 1926).
Ein Triumph mitten aus Erfurt heraus
Lena Schätte ist seit dem 1. April 2026 Stadtschreiberin der Landeshauptstadt Erfurt und lebt während ihres Stipendiums bis Ende Juli 2026 in einer Wohnung in der Erfurter Altstadt. Sie setzte sich im Auswahlverfahren gegen 59 Mitbewerberinnen und Mitbewerber durch. Das Erfurter Stadtschreiber-Programm fördert seit 2002 zeitgenössische Literatur als geistige Visitenkarte der Thüringer Landeshauptstadt. Schätte versteht die Stadtschreiberschaft nicht als stille Schreibresidenz, sondern als „lebendige, dialogische Aufgabe“. Sie arbeitet in Erfurt an einem Romanprojekt, das 2027 erscheinen soll. Für ihren Vorstellungsfilm zum Bachmannpreis hat sie auch Erfurt als Drehort gewählt und die Stadt damit einem großen 3sat-Publikum präsentiert.
Oberbürgermeister Andreas Horn gratuliert
Oberbürgermeister Andreas Horn gratuliert herzlich: „Lena Schätte hat mit ihrem Text die deutschsprachige Literaturwelt berührt – und sie hat das aus Erfurt heraus getan. Dieser dreifache Triumph beim Ingeborg-Bachmann-Preis erfüllt uns als Stadt mit außerordentlichem Stolz. Er zeigt, welch bedeutende literarische Stimme der Gegenwart wir derzeit in unserer Stadt haben. Dass Lena Schätte diesen Preis genau während ihrer Stadtschreiberschaft gewinnt, ist auch ein Beleg dafür, wie wichtig unser Stadtschreiber-Programm als Förderinstrument für herausragende zeitgenössische Literatur ist. Ich freue mich sehr, sie noch bis Ende Juli in Erfurt begrüßen zu dürfen.“
Zur Person: Lena Schätte
Lena Schätte, geboren 1993 in Lüdenscheid, lebt in Altena (Nordrhein-Westfalen). Sie arbeitete mehrere Jahre als Psychiatriekrankenschwester, bevor sie 2020 ein Studium des Literarischen Schreibens am Deutschen Literaturinstitut Leipzig aufnahm. Ihr Roman „Das Schwarz an den Händen meines Vaters“ (S. Fischer, 2025) stand auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2025; Auszüge daraus wurden 2024 mit dem W.-G.-Sebald-Literaturpreis ausgezeichnet. Mit dem dreifachen Gewinn beim Ingeborg-Bachmann-Preis 2026 krönt eine in kurzer Zeit außerordentlich erfolgreich verlaufene literarische Karriere.
Quelle: Pressemitteilungen der Landeshauptstadt Erfurt